Mittwoch, 23. Mai 2012

Inside the Script: Ben-Hur

Inside the Script: Ben-Hur
Die Veröffentlichung von Drehbüchern zu Klassikern oder modernen Blockbustern erfreut sich unter Filmfans schon immer einer großen Beliebtheit. Gibt doch das sogenannte Shooting Script einen großen Einblick in die Entstehung eines solchen Werks. Außerdem ist so eine Veröffentlichung eine weitere Möglichkeit anspruchsvolles Merchandise an den Mann oder die Frau zu bringen.

Warner Digital Publishing wartet nun mit einer neuen Art der Vermarktung auf, denn nun hat man die interaktiven Möglichkeiten des E-Books für sich entdeckt. Mit der Reihe Inside the Script stellt man eine Reihe vor, bei der es sich nicht nur um die Veröffentlichung des Drehbuchs handelt, sondern in zahlreichen Essays wird auch die Entstehung des Films behandelt, der in dem Band enthalten ist. Gerade das sollte für Cineasten von Interesse sein. Der Testballon dafür startete Anfang Mai 2012 mit dem Start der Reihe, bei dem man vier Klassiker präsentierte: Casablanca, North by Northwest (Der unsichtbare Dritte), An American in Paris (Ein Amerikaner in Paris) und Ben-Hur (Ben Hur). Dabei versuchten die Macher alle Möglichkeiten auszunutzen, die man in dem relativ jungen Medium ausreizen kann.

Gerade mit Ben-Hur hat man einen der ganz großen Klassiker der Filmgeschichte ausgewählt, der eine beeindruckende Geschichte hinter sich hat. Er ist nur einer der drei Filme, die mit 11 Oscars bedacht wurden (die anderen beiden sind Titanic und Herr der Ringe – Die Rückkehr des Königs), sondern hat auch eine Entstehungsgeschichte, mit der man einen tiefen Einblick in das sterbende Studiosystem des goldenen Hollywoodzeitalters bekommt. In zahlreichen Essays wird geschildert wie sich Streifen zum letzten Rettungsstrohhalm für ein finanziell gebeuteltes Studio entwickelte. Die Filmgesellschaft MGM hatte, wie die anderen großen Majors, das Problem mit dem Fernsehen zurecht zu kommen. Die Zuschauerzahlen in den Kinos gingen zurück, weil viele einfach lieber zuhause vor dem Pantoffelkino saßen. Also begegnete man dem Konkurrenten mit neuen technischen Entwicklungen. Bei 20th Century Fox setzte man auf ein neues Breitwandformat namens Cinemascope und Stereoton. Bei Paramount Pictures wurde mit Vistavision eine technische Neuerung in die Kinos gebracht, die man heute landläufig mit der Bezeichnung HD betiteln würde. Selbst 3D wurde schon ausprobiert, doch die Rot-Grün-Brillen erwiesen sich als sehr unbequem, was zum schnellen Ende des Versuchs führte.

Bei MGM wollte man einen anderen Weg gehen. Immerhin besaß man immer noch die Rechte an einem der beliebtesten Romane der amerikanischen Literatur des 19. Jahrhunderts, der sich bereits in verschiedenen Medien bewährt hatte. Das Buch von Lewis Wallace, einem Veteran des amerikanischen Bürgerkriegs, erschien 1880. Schnell wurde es einer der ersten großen Bestseller, was findige Geschäftsleute auf den Plan brachte. Schon bald entstand ein Theaterstück, dessen Highlight schon damals das legendäre Wagenrennen war. Die Show entwickelte sich zu einem richtigen Blockbuster und das über Jahrzehnte hinweg. Als der Film dann aufkam, dauerte es auch nicht lange bis Ben-Hur auf der Leinwand erschien. Bereits 1907 entstand eine erste Verfilmung. Da man aber die Rechte an dem Stoff nicht erworben hatte, verursachte sie den ersten Copyright-Prozess in der Geschichte. Kurz nach der Entstehung des Studios MGM erschien 1925 die erste große Verfilmung des Romans in den Kinos. Obwohl die Produktion unter keinem guten Stern stand, entwickelte auch sie sich zu einem großen Hit, was wahrscheinlich auch an einer technischen Neuerung lag, die man bisher nur selten gesehen hatte. Einige Schlüsselsequenzen wurden in Farbe gedreht, im zweifarbigen Technicolor-Verfahren. Der Rest von MGM ist Geschichte. Mit Filmen wie Vom Winde verweht, Der Zauberer von Oz und vielen anderen Meisterwerken wurde es zum größten Studio in Hollywood, das die meisten Stars unter Vertrag hatte. Außerdem setzte man bei Großproduktionen einen Standard, den die Konkurrenten ebenfalls halten mussten. Doch das Aufkommen des Fernsehens Ende der 40er Jahre und einem Urteil des amerikanischen Kartellamtes war es zu verdanken, dass die großen Studios in eine finanzielle Misere schlitterten. Dem Kartellamt war es ein Dorn im Auge, dass die Filmgesellschaften ihre eigenen großen Kinoketten hatten. Also wurden sie angewiesen sich von diesen zu trennen, womit eine lukrative Einnahmequelle verschwand. Allerdings waren dies nur einige Faktoren, die bei dieser Sache mitspielten. Ein anderer wichtiger Grund waren die sich verändernden Sehgewohnheiten des Publikums. Also mussten epische Geschichten her, die die Massen wieder in die Kinos locken sollten.

Bereits Anfang der 50er Jahre hatte die Ära der biblischen Epen begonnen. Mit Quo Vadis? hatte MGM erneut einen Standard gesetzt, er mit der Einführung von Cinemascope bei Das Gewand von Fox noch übertroffen wurde. So begannen im Hintergrund die Arbeiten an einer neuen Version von Ben-Hur, die nach den damals neusten technischen Standards entstehen sollte. Als Regisseur wählte man William Wyler aus, der nicht nur mehrmals mit dem Oscar ausgezeichnet worden war, sondern auch für seine sehr persönlich erzählten Geschichten bekannt war. Witzigerweise kannte sich Wyler mit dem Stoff schon etwas aus, denn er war einer der zahlreichen Kameramänner gewesen, die beim Wagenrennen der 1925er-Verfilmung mitgewirkt hatten…

Viele weitere Fakten werden in den anderen Essays dem Leser informativ nähergebracht. So wird das Team vor und hinter der Kamera näher beleuchtet, die Darsteller werden vorgestellt und auch über die Dreharbeiten wird intensiv berichtet. Interessant ist auch die Definition, was einen epischen Film ausmacht, wobei Vergleiche zu ähnlichen modernen Großprojekten herangeführt werden wie beispielsweise James Camerons Avatar oder Ridley Scotts Gladiator. Als Fazit muss man feststellen: Es hat sich bei Großproduktionen in den ganzen Jahrzehnten nur wenig geändert. Klar, die filmische Technik wurde verbessert, aber gerade bei den essentiellen Elementen, wie dem Drehbuch, zeigen sich erschreckende Parallelen. So entstand das eigentliche Shooting Script eigentlich während der Dreharbeiten von Ben-Hur. Das ursprüngliche Script von Karl Tunberg erwies als relativ starr. Also arbeiteten die Autoren Gore Vidal und Christopher Fry zusammen mit William Wyler Tag und Nacht an dem Buch. Ähnlich lief es auch bei Ridley Scotts Gladiator, bei dem die Dreharbeiten auch begannen bevor das Drehbuch in seinen Feinheiten bestand.

Auch wenn das Thema sehr trocken erscheint, vermögen es die verschiedenen Autoren von Warner Bros. Digital Publishing, die leider nicht angegeben werden, dieses informativ und kurzweilig zu verpacken. Dabei konnten sie auf das umfangreiche Archiv von Warner Brothers und MGM zurückgreifen sowie auf das Tagebuch von Charlton Heston, das während der Dreharbeiten entstand und in Auszügen mit Kommentaren von Fraser C. Heston wiedergegeben wird. Hinzu kommen noch über 140 Fotos, die in hoher Auflösung vorliegen.

Die verschiedenen Essays und das komplette Drehbuch ergeben eine Einheit, wie man sie sich als Filmfan eigentlich nicht besser erhoffen kann. Es wird ein tiefer Einblick in die Entstehung eines der größten Meisterwerke des Kinos gegeben, wobei einige sehr interessante Tatsachen zu Tage treten, die nicht unbedingt etwas mit dem Film zu tun haben. Die Texte selbst sind knackig gehalten, bieten sehr viele Informationen, sind aber keine Sekunde trocken oder belehrend. Auflockerung bringen dabei auch einige lustige Fakten, wie beispielsweise die Verpflichtung von Leslie Nielsen (Die nackte Kanone) als Messala, wenn auch nur für einige Probeaufnahmen. Einziger Wermutstropfen ist, dass es die Reihe Inside the Script derzeit nur in englischer Sprache und exklusiv als E-Book vor. Das E-Book-Format ist auf der anderen Seite auch der große Vorteil, denn es werden alle Möglichkeiten des Mediums ausgenutzt, was auf jeden Fall beeindruckend ist. Ein weiterer Vorteil ist auch der Preis, denn das rund 800 Seiten starke Buch ist für weit unter 10 Euro zu haben.

Inside the Script: Ben-Hur bietet für den geneigten Leser kurzweilige Informationen in sehr hoher Qualität und ist die perfekte Ergänzung zu den bereits erschienen DVD- und Blu-ray-Editionen des Films.

Ben-Hur: Inside the Script
von Jeremy Ross (Hrsg.)
erschienen bei Warner Bros. Digital Publishing im Mai 2012
ISBN (iBook-Edition): 978-1-61408-004-6

Dienstag, 22. Mai 2012

Ein Bär will nach oben von William Kotzwinkle

Ein Bär will nach oben von William Kotzwinkle
Eigentlich hat der Literaturprofessor Arthur Bramhall sich ein Jahr von deiner Lehrtätigkeit an einer Universität an der amerikanischen Ostküste von seiner Lehrtätigkeit entbinden lassen, weil er nicht nur einen Hang zur Depression hat, sondern auch einen Roman schreiben wollte. Doch unglücklicherweise brennt kurz nach der Fertigstellung des Manuskripts sein Haus ab, wobei dieses ein Raub der Flammen wird. Er entzieht sich also der Zivilisation, um in einer abgeschiedenen Hütte sein Werk erneut zu Papier zu bringen. Aber ist das fertige Manuskript nun sicher? Bramhall entscheidet sich es in einem hohlen Baum unweit seiner Blockhütte zu verstecken. Nur um sicherzugehen, dass diesmal kein Feuer seinen Roman verzehrt.

Der Schriftsteller wird dabei von einem Bären aufmerksam beobachtet. Kaum ist der Mensch weg, da entschließt der Bär sich dem Manuskript anzunehmen. Er hat nämlich einen ganz besonderen Wunsche: Er möchte ein Mensch sein. So liest er den Roman und entschließt sich daraufhin in die Stadt zu gehen. Mit der Aktentasche des Professors zwischen den Zähnen macht sich der Bär auf, um in New York den Literaturbetrieb auf den Kopf zu stellen. Hal Jam, wie er sich nun nennt, zwängt sich in einen Anzug, um das süße Leben eines erfolgreichen Literaten im amerikanischen Medienrummel zu erleben…

In Deutschland ist William Kotzwinkle vor allem durch seine Romanadaption von Steven Spielbergs E.T. – Der Außerirdische bekannt geworden. Allerdings ist er in fast jedem literarischen Genre zuhause und hat nicht nur im phantastischen Bereich einige bemerkenswerte Romane veröffentlicht. Die Fabel des Bären, der in Welt zieht um ein Mensch zu werden, ist eine genial pointierte Satire auf den amerikanischen Medienbetrieb im Allgemeinen und im Besonderen. So reicht es bereits, dass sich Hal Jam in einen zu kleinen Anzug quetscht, um mit seinem gestohlenen Manuskript bei diversen Agenten Eindruck zu schinden. Dabei schert sich keiner darum, ob er es selbst geschrieben hat oder nicht. Aber nicht nur die Agenten liegen ihm zu Füßen, sondern auch die menschlichen Frauen, die Hal ebenfalls zu schätzen lernt. Dabei vollzieht sich in ihm eine Wandlung vom wilden Tier zum menschlichen Wesen mit all seinen Schwächen.

Im Gegenzug verwandelt sich der eigentliche Autor des Manuskripts durch seine depressive, zurückgezogene Art immer mehr in einen Bären. Auf dem Höhepunkt begibt sich Arthur Bramhall für einige Zeit in einen Winterschlaf, damit er sich über einige Dinge klarwerden kann.

William Kotzwinkles Buch wirkt oft etwas episodenhaft. Aber genau das macht den Reiz von Ein Bär will nach oben aus. Nicht selten muten die verschiedenen Kapitel wie eine Sammlung von kleinen Kurzgeschichten an, in denen es von skurrilen Figuren nur so wimmelt. Sei es nun eine Situation in der Hal Jam einer singenden Gang aus dem schwarzen Ghetto zu einem Plattenvertrag verhilft oder der Hund eines Freundes von Arthur Bramhall, dessen Gedanken sich den ganzen Tag nur um Knackwürste befassen.  Als der Professor verzweifelt nach dem Stoff zu einem neuen Roman sucht, wird von dem Besitzer des Hundes zu einigen von den schrägsten Typen geschleppt, die die Umgebung zu bieten hat. Sehr witzig ist auch die Szene an einem Busbahnhof, wo Hal Jam  auf eine Gruppe von Skinheads trifft, die ihn aufmischen wollen. Angeführt werden sie von einem Typen Namens Heimlich, der den Namen angenommen hat, weil er so seine Anerkennung für den Chef der SS würdigen wollte. Dabei hat er in seinem Nichtwissen den Namen von Himmler mit dem des Erfinders des Heimlich-Manövers verwechselt, also dem kompletten Gegenteil. Bei allen Szenen und Geschichten brilliert der Autor dabei mit unterhaltsamen Sarkasmus und einer gehörigen Portion Ironie, was den Leser mehr als einmal schmunzeln lässt.

Ein Bär will nach oben ist ein sehr unterhaltsamer Roman, der sich von dem gewöhnlichen Mainstream deutlich abhebt. Ein richtiger Geheimtipp für alle Leseratte und für die, die es noch werden wollen.

Ein Bär will nach oben
von William Kotzwinkle
Übersetzung: Hans Pfitzinger
erschienen bei Rowohlt Taschenbuch im Dezember 1998
ISBN: 978-3-499-13895-6

Montag, 21. Mai 2012

Die Rückkehr von Captain Future von Edmond Hamilton

Die Rückkehr von Captain Future von Edmond Hamilton
Für viele Fans war die Anfang der 1980er Jahre ausgestrahlte Animeserie der erste Kontakt mit der Science Fiction, die einfach Lust auf mehr gemacht hat; die Rede ist von Captain Future. Kaum einer wusste allerdings damals, dass hinter der vom ZDF übelst geschnittenen TV-Serie eine ganze Reihe von Romanen steht, die aus der Feder von Edmond Hamilton stammt, einem der Väter der Space Opera.

Die Abenteuer von Curtis Newton , dem Roboter Grag, dem Androiden Otho und dem lebenden Gehirn Simon Wright waren im Prinzip im deutschen Sprachraum aber schon vor der Ausstrahlung der Serie präsent, wenn auch unter dem Namen Captain Zukunft. Einige der 27 Fortsetzungen war in den fünfziger und sechziger Jahren in oft grausig gekürztem Zustand in Serien wie Utopia oder Terra erschienen. Erst der immense Erfolg der Serie machte die Reihe auch für den deutschen Buchmarkt interessant. Insgesamt 16 Abenteuer erschienen ebenfalls Anfang der 80er Jahre bei Bastei-Lübbe, wobei man sich bemühte die ungekürzten Romane von Hamilton so gut wie möglich umzusetzen. Neben zahlreichen neuen Übersetzungen der alten Romane, erschienen auch einige deutsche Erstveröffentlichungen, um die Kontinuität der Serie zu wahren. 1984 wurde die Reihe mit dem 16. Band, Stern des Grauens, beendet, da die Verkaufszahlen den Verlag nicht mehr zufriedenstellte. Dies war bedauerlich, weil noch einige Abenteuer, die Hamilton im Anschluss geschrieben hatte, nicht mehr erscheinen konnten.

Erst fast 30 Jahre nach dem Ende der Bastei-Lübbe-Reihe legte im Jahr 2010 der Golkonda Verlag mit Die Rückkehr des Captain Future den ersten Band mit vier neuen Geschichten um den Hexenmeister der Wissenschaften vor. Dabei handelt es sich genau um jene, die direkt an Stern des Grauens anschließen. Getreu der Vorlage übersetzt und in einer sehr liebevoll gestalteten Ausgabe zusammengefasst, kann sich der Leser erneut in die bunte Welt von Edmond Hamilton versinken lassen, um an der Seite der Futuremen neuen Abenteuer zu erleben.

Das besondere an allen Geschichten um Captain Future ist die Vielfalt der Phantasie, die Edmond Hamilton an den Tag legt. Sein Universum strotzt nur so von Leben, bunten Welten und jeder Menge Schurken, von denen einige zurückblickend oft etwas eindimensional wirken. Doch lässt mach sich auf die relativ einfach gestrickten Abenteuer ein, dann bekommt man als Leser zu spüren, welche Faszination die Futuremen nach wie vor ausüben. Klar, Curtis Newton und seine Leute entkommen auch den haarigsten Situationen um Haaresbreite, aber genau das macht den Reiz dieser Romane auch aus. Auffallend ist dabei wie sehr der Autor von Edgar Rice Burroughs beeinflusst wurde, wobei bis heute auch der Einfluss Hamiltons auf nachfolgende Romane und Serien zu spüren ist. Tatsächlich kann man Captain Future durchaus auch als eines Vorbilder für die Perry Rhodan-Serie sehen, in dem in den frühen Romanen ähnliche dramaturgische Elemente zu finden sind.

Die vier in dem Buch enthaltenen Geschichten erschienen zwischen Januar und November 1950 in dem US-Magazin Startling Stories. Dazwischen lag eine längere Pause, die Hamilton dramaturgisch durch eine Expedition der Futuremen nach Andromeda erklärt, um den Ursprung der Menschheit zu klären. Ein Thema, das bereits in der alten Taschenbuchausgabe angesprochen, aber nicht beendet wurde. Drei Jahre war der Hexenmeister der Wissenschaft verschollen, wurde sogar für tot gehalten. Doch er ist ganz leise zurückgekehrt, weil er einen alten Feind der Urrasse im Gepäck hat, den er versehentlich aus seiner Stasis erweckt. Nach diesem etwas behäbigen Auftakt beweist Hamilton im Verlauf der drei weiteren Geschichten wieder seinen Ideenreichtum. So lässt er Lebewesen in der Sonne auftauchen, gibt Simon Wright die Möglichkeit nochmal einen Körper zu haben oder erzählt ein Abenteuer komplett aus der Sicht von Grag, dem Roboter. Allerdings sollte man sich vor Augen halten, dass es sich hier nicht um einzelne Romane handelt, sondern um vier längere Kurzgeschichten, die lose die Handlung der vorangegangenen Serie aufgreifen.

Spaß zu lesen macht Die Rückkehr von Captain Future auf jeden Fall, auch weil das Buch für den Fan noch einiges zu bieten hat. So findet man im Anhang nicht nur die Angaben zu den originalen Erscheinungsdaten der Geschichten, sondern auch ein Nachwort von Hardy Kettlitz, in dem kurz auf das Leben und Werk von Edmond Hamilton eingegangen wird. Leider ist dieses, wahrscheinlich auch wegen Platzgründen, etwas oberflächlich geworden, da nur auf einige Werke kurz eingegangen ist. Die Schaffensphase Hamiltons als Comicautor (er schrieb einige Zeit für Superman) wird komplett außen vor gelassen. Wer aber mehr über den Autor erfahren will, der sollte zu dem Buch Edmond Hamilton - Autor von Captain Future von Kettlitz greifen, das im Shayol Verlag erschienen ist. Interessanterweise nun auch in einer Neuausgabe, die passend zu den Veröffentlichungen aus dem Golkonda Verlag gestaltet wurde.

Die Rückkehr von Captain Future ist ein unbeschwertes Lesevergnügen nicht nur für Fans, sondern bietet auch für den normalen Konsumenten ein Stück klassischer Space Opera, deren Ideenreichtum so manchem anderen Genreprodukt von heute ebenfalls gut stehen würde. Auch wenn der Erzählstil vielleicht aus heutiger Sicht antiquiert wirkt, vor allem was die Technik betrifft, die im Gegensatz zu heutiger Space Opera eher als Low Tech bezeichnet werden kann. Reizvoll sind die vier Geschichten allemal, nicht nur aus literaturhistorischer Sicht. Pures Lesevergnügen mit einem gehörigen Schuss Sense of Wonder.

Nachbemerkung: Die Rückkehr von Captain Future ist der erste Band mit insgesamt sieben Kurzgeschichten um Captain Future aus der Feder Edmond Hamiltons. Der zweite Band, Der Tod von Captain Future, enthält zusätzlich noch die gleichnamige Novelle von Allen Steele.

Die Rückkehr von Captain Future
von Edmond Hamilton
Übersetzung: Frauke Lengermann
erschienen im Golkonda Verlag im Jahr 2011
ISBN: 978-3-942396-04-2

Sonntag, 29. April 2012

Abraham Lincoln - Vampirjäger von Seth Grahame-Smith


Abraham Lincoln - Vampirjäger von Seth Grahame-Smith
Der junge Abraham Lincoln verliert bereits im Teenageralter seine Mutter. Die Gründe ihres Todes bleiben rätselhaft, denn kein Arzt kann den Grund der schweren Krankheit ausfindig machen, der sie dahin gerafft. Nur Abe weiß, was geschehen ist, denn er hat beobachtet wie ein Vampir seine Mutter gebissen und damit verseucht hat. In dem Jungen reift der Gedanke der Rache. Aber er will nicht nur das Monster zur Strecke bringen, das ihm so viel Leid gebracht hat, sondern das lichtscheue Blutsaugergesindel komplett aus Amerika vertreiben. Er schwört von nun an Jagd auf Vampire zu machen und fängt an sich zu trainieren. Aber so leicht machen es ihm die Blutsauger nicht, denn sie sind nicht gerade leicht zu finden, wie er feststellen muss. Zwar bringt er den Mörder seiner Mutter zur Strecke, aber schon bei seinem nächsten Treffen muss er feststellen, wie sehr er seinen Gegner unterschätzt hat. Nur knapp entkommt er dem Tod und wenn der erfahrene Vampir Henry Sturges nicht gewesen wäre, wäre der junge Lincoln Geschichte gewesen. Henry nimmt sich des Jungen an, um ihn in die richtige Richtung zu trainieren. Danach tut er sogar noch mehr: Er nennt Abe sogar potentielle Ziele, damit dieser in Form bleibt und weiterhin seine Rachegelüste ausleben kann. Doch irgendwann stellt sich Lincoln die Frage, welchen Zweck sein unsterblicher Freund mit dieser Vorgehensweise verfolgt? Er findet außerdem heraus, wie sehr die Vampire von der ihm so verhassten Sklaverei im Süden der USA profitieren. Gezielt setzen sie ihren politischen Einfluss ein, damit der Status Quo gewahrt bleibt; auch wenn ein stetiger Riss wegen der Sklavenfrage durch die junge Nation geht. Abraham beginnt mehr aus Zufall heraus eine politische Karriere, die anfangs nicht von großem Erfolg gekrönt ist, sich aber im Laufe seines Lebens sehr gut entwickelt. In seiner Zeit in Washington bemerkt er allerdings, dass hinter der normalen Fassade des Senats ganz andere Machtbestrebungen im Gange sind. Es handelt sich dabei um Bestrebungen, die die junge USA auf eine Zerreißprobe stellen und gleichzeitig einen der blutigsten Konflikte auf dem Kontinent hervorrufen wird: den amerikanischen Bürgerkrieg….

Nach seinem Roman Stolz und Vorurteil und Zombies wendet sich Autor Seth Grahame-Smith einer der schillerndsten Persönlichkeiten der amerikanischen Geschichte zu: Abraham Lincoln. Die Idee, dass er nicht nur der sechzehnte Präsident der USA war, sondern auch ein Vampirjäger besitzt eine gewisse Originalität, die einen großen Reiz besitzt. Geschickt verwebt Grahame-Smith historische Fakten aus der Biografie des Präsidenten mit einer plausiblen Motivation für die Jagd auf Vampire durch ihn. Dem Autor gelingt es Elemente des historischen Roman mit denen des klassischen Schauerromans zu vermischen und gibt letztlich dann noch einen Schuss Verschwörungstheorien hinzu, was dem Buch noch eine besondere Note verleiht. Als besonderer Glücksgriff ist der ungewöhnliche Erzählstil Grahame-Smiths. Da dieser Romain auf den verschollenen Tagebüchern Lincolns basiert, kommt dieser über weite Passagen mit seinen eigenen Aufzeichnungen selbst zu Wort. Dies erweist sich für den weiteren Handlungsverlauf mehr als vorteilshaft, denn der Präsident stellt seine Abenteuer sehr detailliert und persönlich dar.

Abraham Lincoln – Vampirjäger beleuchtet nicht nur einen Zeitabschnitt im Leben des späteren Präsidenten,  sondern stellt vielmehr eine außergewöhnliche, fiktive Biografie mit vielen persönlichen Elementen dar. Schon auf den ersten Seiten des Buches bemerkt der Leser wie genau der Autor seine geschichtlichen Hausaufgaben gemacht hat. Grahame-Smith vermag es meisterhaft die historisch gegebenen Fakten mit seiner Romanhandlung zu verbinden. Dabei verzichtet er auf jede romantische Weichzeichnerei, sondern wartet oft mit richtig bösen Vampiren auf, die den Mensch nur als reine Beute sehen. Ein wohltuender Unterschied zu manchen romantisch angehauchten Vampirromanen der letzten Zeit.

Grahame-Smith Roman überzeugt über weite Strecken durch historische Nüchternheit. Zwar beschreibt Lincoln seine Jagden sehr detailliert und grafisch, bleibt aber immer etwas auf Abstand, damit ihn der Schrecken seiner Taten vielleicht einholt. So wird aus Abraham Lincoln – Vampirjäger nicht nur ein ungewöhnlicher phantastischer Roman, sondern er ist auch einer der besseren Genrebeiträge der letzten Zeit, der unbedingt lesenswert ist und jede Menge Spaß macht.

Dies hat übrigens auch Hollywood erkannt und die Verfilmung des Romans nach dem Drehbuch des Autors wird, produziert von Tim Burton, im Verlauf des Jahres 2012 in die Kinos kommen. Es bleibt dabei zu hoffen, dass diese Version des Stoffes ihrem Vorbild gerecht wird, was bei anderen Romanverfilmungen oft nicht der Fall ist.

Abraham Lincoln – Vampirjäger
von Seth Grahame-Smith
erschienen im Heyne Verlag im Juni 2011
ISBN: 978-3-453-52832-1

Die Rezension entstand mit freundlicher Unterstützung von fictionfantasy.de

Sonntag, 22. April 2012

Der Krieg der Welten von H. G. Wells


Gegen Ende des 19. Jahrhunderts geschieht das Unfassbare: Invasoren aus dem Weltall fallen in metallenen Zylindern über die Erde her. Es handelt sich dabei um Bewohner des Planeten Mars, deren Neid auf die Schätze der Erde so groß ist, dass sie eine Invasionsarmee schicken, um den Planeten für sich zu erobern. Immerhin bietet der Nachbar alles, was man braucht: Wasser, Luft und Futter in rauen Mengen.

Rigoros gehen die Marsianer mit ihren dreibeinigen Kampfmaschinen gegen die Menschen vor. Keine Armee scheint die aufhalten zu können und alle Hoffnung für ein Überleben gehen in Schutt und Asche unter...

H. G. Wells Roman Der Krieg der Welten hat auch mehr als einhundert Jahre nach seiner Entstehung nichts von seinem Reiz verloren. Hier zum ersten Mal eines der großen Klischees der Science Fiction bedient, den Invasionsroman. Seitdem hat es zahllose mehr oder weniger gelungene Versionen oder Imitationen des Stoffes in verschiedenen Medien gegeben, doch nur wenige besitzen die Intensität des Originals. Wells bringt die Hilflosigkeit gegenüber einem gnadenlos überlegenen Gegner genau auf den Punkt, wobei im Grunde genommen die Marsianer vollkommen austauschbar sind. So wird auch schnell die eigentliche Botschaft des Romans deutlich, denn man fühlt oft an die radikale Kolonisationsgeschichte der europäischen Eroberer in Südamerika oder Indien erinnert. Eindringlich schildert Wells wie berechnend eine technisch überlegene Gesellschaft ein unterlegenes Volk mit seiner kriegsmechanischen Übermacht einfach überrollt und ein Leben nicht viel mehr als eine wegwerfende Handbewegung wert ist. Dabei verpackt der Autor verpackt seine Botschaft in eine spannende Handlung, die den Roman fraglos zum einem der großen Klassiker macht.

Krieg der Welten ist, wie schon erwähnt,  die Geburtsstunde des Invasionsszenarios in der Science Fiction-Literatur, das immer gerne und sehr oft in zahllosen Variationen bis heute bedient wird. Der Stoff selbst erlebte in der Zeit nach seiner Entstehung viele Adaptionen, die mehr oder weniger gelungen sind. Eine der beeindruckendsten Adaptionen ist das berühmte Radiohörspiel aus dem Jahr 1938, das von Orson Welles produziert wurde. Er verlegte die Geschichte in die Gegenwart und in die USA. Durch seine realistische Darstellung löste das Hörspiel eine regelrechte Massenpanik in vielen amerikanischen Städten aus; obwohl es eigentlich als Halloweenscherz gedacht war.

Hollywood tat sich mit Wells Roman lange Zeit schwer, denn im Verlauf der Jahrzehnte versuchten sich namhafte Regisseure wie beispielsweise Alfred Hitchcock oder Cecil B. De Mille ihre Vision des Stoffes auf die Leinwand zu bringen, allerdings ohne wesentlichen Erfolg. Erst als sich George Pal und Byron Haskin sich der Geschichte annahmen, nahm die Sache Formen an. Die bisher gelungenste Verfilmung von Krieg der Welten kam 1953 ins Kino. Auch wenn die Handlung in die Gegenwart verlegt wurde, blieb ein großer Teil der eigentlichen Essenz erhalten. Auch wenn das Drehbuch mit zahlreichen Andeutungen zum Kalten Krieg gespickt war. Die Kritik an der Kolonisationspolitik aus der Vorlage blieb aber dabei auf der Strecke. Dennoch kann das knallbunte, oft etwas naive Special Effects-Spektakel selbst im Zeitalter der Computeranimation immer noch beeindrucken.

Die Ende der 1980er Jahre produzierte TV-Serie entfernt sich von Wells eigentlicher Vision noch weiter. Kein Wunder, sieht sie sich doch als etwas krude Fortsetzung des Kinofilms von 1953.

Unerwähnt soll auch nicht die Variation von Jeff Wayne bleiben, der mit seiner Musicalversion ein zeitloses Werk schuf, das neben dem Roman durchaus bestehen kann. Wayne verarbeitet in seinem Werkt die Motive aus Wells Roman auf interessante Weise. Mit einer Garde von interessanten Sprechern und Sängern bringt er die Geschichte auf eine andere Art näher.

Als 2004 Steven Spielbergs Version von Krieg der Welten in die Kinos kam, waren die Erwartungen hoch. Doch über den Versuch dem Originalmaterial treu zu bleiben kam man auch hier nicht heraus. Zwar konnte der Streifen von der technischen Seite einigermaßen beeindrucken, doch die Rolle, die Tom Cruise in dem Film spielte, nahm man diesem nicht ab. Hollywoods Strahlemann als Working Class-Hero? Dies lief total gegen das angekratzte Image des Schauspielers, was auch entsprechend an den Kinokassen honoriert wurde. Auch hier wurde das wertvolle Potential der Vorlage einfach verspielt.

Auch wenn es interessante Adaptionen von Der Krieg der Welten gibt, so ist der eigentliche Roman von H. G. Wells definitiv vorzuziehen. Der Roman liest sich auch heute noch sehr gut und ist nicht nur ein Klassiker der Science Fiction, sondern auch der Weltliteratur.


Der Krieg der Welten
von H. G. Wells
erschienen bei Diogenes 1974/2005
ISBN: 978-3-257-23537-1

Dienstag, 6. März 2012

Der letzte Tag der Schöpfung von Wolfgang Jeschke


Als rätselhafte archäologische Funde in Europa die Aufmerksamkeit der amerikanischen Regierung auf sich lenken, bestärkt dies die Weiterführung eines ihrer geheimsten Projekte. Obwohl die Lage sehr angespannt ist, wendet man alle Ressourcen auf, um eine Möglichkeit zu entwickeln, mit der man fünf Millionen Jahre in die Vergangenheit reisen kann. Der Hintergedanke ist dabei die Vormachtstellung der USA in der Gegenwart zu stärken, indem man den arabischen Scheichs das Erdöl mit einer Pipeline abpumpt, um es ihren Zugriff zu entziehen. In speziellen Förderstätten soll es dann aus der Vergangenheit in die Gegenwart geholt werden, damit die USA ihre Abhängigkeit gegenüber den ölfördernden Ländern verliert. Als Ziel in der Vergangenheit wählt man eine Zeitperiode, in der das Mittelmeerbecken trocken lag. Dies würde den Plan in vieler Hinsicht erleichtern. So schickt man Menschen und Material in die tiefe Vergangenheit, doch als die Expeditionsteilnehmer dort ankommen, erwarten sie dort einige böse Überraschungen, mit denen keiner gerechnet hat.

Zeitreisen sind in der Science Fiction ein gern benutztes dramaturgisches Instrument. Doch selten sind die Grundkonzepte der Story so originell ausgearbeitet wie in dem Klassiker von Wolfgang Jeschke. Von der ersten bis zur letzten Seite weiß der Autor mit seiner Handlung den Leser an sich zu fesseln. Er bedient sich dabei zwar den typischen Mustern des SF-Abenteuers, bietet aber dennoch ein Lesevergnügen auf hohem Niveau. Die Story ist ausgeklügelt und beginnt erst mit langsamen Schritten, bevor sie in der zweiten Hälfte Aspekte aufzeigt, die man eigentlich nicht erwartet hätte. Es entfaltet sich vor dem Auge des Lesers eine Zeitreisegeschichte, die den Vergleich mit ihren großen Vorbildern nicht zu scheuen braucht. Aber Wolfgang Jeschke schafft noch viel mehr. Er zeigt auf, dass ein Roman auch fünfundzwanzig Jahre nach seinem Erscheinen immer noch aktuell sein kann. Der letzte Tag der Schöpfung erschien bereits 1981. Damals war die Vision eines ausgetrockneten Mittelmeerbeckens in der Geologie noch eine unausgegorene Theorie, die von vielen Wissenschaftlern belächelt wurde. Heute weiß man allerdings, dass die Austrocknung tatsächlich stattgefunden hat und ein solches Ereignis in der Vergangenheit bereits mehrmals stattgefunden hat.

Für die Neuausgabe im Rahmen der Heyne Reihe Meisterwerke der Science Fiction hat der ehemalige Redakteur und Herausgeber des Heyne SF-Programms noch einmal Hand angelegt und den Roman komplett überarbeitet. Das heißt jetzt nicht, dass er großartige Änderungen vorgenommen hat, sondern vielmehr einige wissenschaftliche Fakten etwas angepasst hat. Dazu gibt es noch ein Nachwort von Jeschke, in der er auf verschiedene Ereignisse eingeht, die ihn bewogen haben, sich der damals umstrittenen Austrocknungstheorie anzuschließen und seine Handlung darauf aufzubauen. Garniert wird das kleine Juwel mit einem Vorwort von Frank Schätzing, der mit seinem Science Thriller Der Schwarm einen Bestseller abgeliefert hat. Der letzte Tag der Schöpfung ist ein Roman, der in keiner guten SF-Sammlung fehlen darf.

Der letzte Tag der Schöpfung
von Wolfgang Jeschke
erschienen im Heyne Verlag, im November 2005
ISBN: 978-3-453-52121-6